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Neuer Leiter des Bereichs Kultur, Weiterbildung, Qualifizierung
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Einleitungstext

Der Bereich Kultur, Weiterbildung, Qualifizierung der Stadt Castrop-Rauxel hat einen neuen Leiter. Sein Name ist Dr. Chokri Guellali. Er ist 55 Jahre alt, Kulturliebhaber, kommt gebürtig aus Tunesien und bezeichnet sich selbst als Weltbürger. Sein Werdegang ist beeindruckend und seine Visionen für die VHS sind zukunftsweisend.

Fortsetzungstext

Der Bereich Kultur, Weiterbildung, Qualifizierung der Stadt Castrop-Rauxel hat einen neuen Leiter. Sein Name ist Dr. Chokri Guellali. Er ist 55 Jahre alt, Kulturliebhaber, kommt gebürtig aus Tunesien und bezeichnet sich selbst als Weltbürger. Sein Werdegang ist beeindruckend und seine Visionen für die VHS sind zukunftsweisend.

 

Hallo Dr. Guellali, zunächst einmal herzlich willkommen bei der Stadt Castrop-Rauxel. Sie haben erst kürzlich hier angefangen; haben Sie denn trotzdem schon etwas von der Stadt sehen können?

„Ich bin momentan natürlich vor allem viel im Büro, darum war ich bislang nur sehr wenig unterwegs und habe mir noch nicht alles ansehen können. Der Marktplatz gefällt mir aber sehr gut. Als ich während der Bewerbungsphase hergekommen bin, stand dort noch das Weihnachtsdorf. Das fand ich richtig schön.“

 

Sie haben schon einige Stationen hinter sich: Tunesien, Frankreich, Saudi-Arabien und immer wieder auch Deutschland. Wie viele Sprachen sprechen Sie eigentlich?

„Ich spreche grob geschätzt sieben Sprachen. Arabisch ist meine Muttersprache. Ich habe außerdem auch Englisch, Französisch, und Deutsch gelernt. Mittlerweile kann ich auch ganz gut Spanisch - das habe ich selbst auch an der VHS gelernt. Ich habe dazu sowohl in Bonn als auch in Berlin einige Kurse belegt. Außerdem habe ich Portugiesisch und Italienisch gelernt, aber das ist schon eine Weile her. Verstehen klappt da noch ganz gut, aber mit dem sprechen wird es schon schwieriger.“

 

Warum haben Sie sich ausgerechnet für Castrop-Rauxel als Ihre nächste Station entschieden?

„Das Aufgabengebiet eines VHS-Leiters fand ich immer sehr interessant. Außerdem ist die Mischung aus Kultur, Weiterbildung und Qualifizierung einzigartig. Ich habe mich in meinem gesamten Berufsleben immer schon aus verschiedenen Perspektiven mit Bildung beschäftigt: Forschung, Lehre, Management und so weiter. Jetzt möchte ich selber Bildung gestalten. Hier in Castrop-Rauxel habe ich sehr viele Möglichkeiten dazu. Das hat mich sehr motiviert, mich hier zu bewerben.“

 

Bildung ist also ein Thema, das Ihnen am Herzen liegt?

„Sicher. Ich habe zum Beispiel in der Vergangenheit im Hochschulministerium von Tunesien gearbeitet, habe in Dresden einen Master in Berufs- und Erwachsenenpädagogik absolviert, habe dort promoviert und war als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Erwachsenenbildung und beruflicher Weiterbildung sowohl in Forschung als auch in der Lehre tätig. Außerdem habe ich unter anderem auch als Dozent in Riad und als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bundesinstitut für Berufsbildung in Bonn gearbeitet. Berufs- und Erwachsenenbildung zieht sich also durch meinen gesamten Werdegang. Überhaupt war Bildung immer meine Leidenschaft.“

 

Die sogenannte Grundbildung ist ja auch einer der Grundpfeiler der VHS hier in Castrop-Rauxel. 

„Ja, wir haben hier natürlich das Berufsbildungszentrum (BBZ) in Dingen. Momentan schauen wir da nach Entwicklungspotenzialen und suchen nach neuen Feldern, die das BBZ übernehmen könnte.“

 

An was denken Sie da konkret?

„Ich war als Büroleiter für ein bayrisches Bildungsunternehmen in Tunesien verantwortlich für die Einführung von Teilqualifizierungen im Bausektor. Die Teilqualifizierung ist mehr oder weniger eine modularisierte Ausbildung. Dabei wird die entsprechende Ausbildung in verschiedene Module aufgeteilt, die wiederum unabhängig voneinander gelernt werden können. Man muss also quasi keinen ganzen Beruf erlernen, sondern könnte sich auch nur innerhalb eines Berufs teilqualifizieren. Wir werden prüfen, ob so etwas auch im BBZ angeboten werden könnte. Die Werkstätten dafür wären im BBZ jedenfalls schon vorhanden.“

 

Für wen wäre das interessant?

„Zum Beispiel für Quereinsteiger. Auch mit Teilqualifizierung kann man auf dem Arbeitsmarkt schon einen Job finden. In einer Küche von einem Restaurant, zum Beispiel, muss man nicht zwingend ausgelernter Koch sein, sondern könnte sich auch nur auf Salate oder Desserts spezialisieren. Nicht jeder Koch muss alles können. So ein Angebot wäre aber auch für Jugendliche interessant. Die Module dauern in der Regel zwei bis sechs Monate. Auf diese Weise können sie viel schneller ins Berufsleben einsteigen und sich die Teilqualifizierung später anrechnen lassen, wenn sie eine gesamte Berufsausbildung anstreben.“

 

Das klingt ja revolutionär.

„Ja, es wäre zumindest eine Möglichkeit für die zukünftige Entwicklung vom BBZ. Wir werden uns aber auch auf die Jugendlichen konzentrieren, die überhaupt keinen Ausbildungsplatz finden. Da könnte man in Zukunft in enger Zusammenarbeit mit den Betrieben gucken, wie man die Jugendlichen fit für die Ausbildung macht. Viele Betriebe haben Bedarf an neuen Auszubildenden, finden aber einfach nicht die richtigen Kandidaten für die freien Stellen. Da könnte man ansetzen und schauen, was die Betriebe brauchen und wie man die Jugendlichen besser darauf vorbereitet.“

 

Haben Sie sonst noch Ziele für die VHS?

„Die Volkshochschulen haben ja generell den gesetzlichen Auftrag, die Grundversorgung der Bürger mit Bildung zu sichern. Die demographische Entwicklung zeigt uns aber momentan, dass die Bevölkerung insgesamt weniger, älter und bunter wird. In diesem Kontext muss die VHS offen für alle Ziel- und Altersgruppen bleiben, die Teilhabe aller Menschen ermöglichen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken. In Castrop-Rauxel haben wir speziell neben den klassischen Angeboten wie Yoga- oder Englischkursen auch zahlreiche Kurse für Familienbildung. Mein Ziel ist es, das Angebot soweit zu erweitern, dass wir noch mehr Gesellschaftsgruppen erreichen.“

 

Denken Sie da an eine bestimmte Gruppe, die Sie erreichen möchten?

„Als Beispiel kann ich die funktionalen Analphabeten nennen. Das sind Menschen, die nicht richtig lesen, schreiben oder rechnen können. Davon gibt es deutschlandweit über sechs Millionen. Um diese Menschen zu erreichen, braucht es eine aufsuchende Bildungsarbeit. Man muss dort hingehen, wo die Menschen sind und man braucht eine starke Vernetzung der lokalen Akteure wie zum Beispiel Mitarbeitende im Jobcenter oder den lokalen Vereinen. Hier müsste man die Finanzierung der Projekte vermutlich zudem etwas diversifizieren, um nicht nur auf die kommunalen Mittel angewiesen zu sein.“

 

Das sind alles sehr ambitionierte Ziele!

„Ja, aber ich glaube, ich bringe die nötige Vorerfahrung und Motivation mit, um in Castrop-Rauxel einiges bewegen zu können.“

 

Gibt es eigentlich einen Kurs hier an der VHS, den Sie selbst auch gerne einmal belegen würden?

„Ich möchte unbedingt weiter Spanisch lernen. In Berlin habe ich außerdem einen Trommelkurs belegt. Bislang habe ich hier noch keinen Trommelkurs gesehen, aber vielleicht findet sich ja mal ein Kursleiter und eine Gruppe. Dann würde ich da auf jeden Fall einsteigen.“

 

Vielen Dank für das Interview, Dr. Guellali und viel Erfolg!